24 / November / 2009 Martina Nürnberg

Ungehemmt und anonym - Warum Sex im Netz so gut ankommt

Eine Frau vor dem Computer-Bildschirm
Sex am PC. Auch für Frauen durchaus reizvoll
Quelle: Melanie Haack


Das Netz macht das (Single-)Leben um einiges leichter. Besonders, was das Thema Sex angeht. Vor den Zeiten des World Wide Web gab es Pornos in der Videothek. Heute kann man zuhause bleiben. Und bequem mit dem PC in der größten Videothek der Welt stöbern. Denn die ist gut gefüllt: Mehr als 420 Millionen Sexseiten gibt es im Netz - täglich entstehen im Schnitt 266 neue. Youporn.com ist nur eine davon. Sie rangiert mittlerweile auf Platz 50 der weltweit am häufigsten abgerufenen Webseiten.

Wer davon träumt, einen eigenen Porno zu drehen, kann sich dank Webcam und Co. ungehemmt austoben. Und den Film vor einem großen Publikum präsentieren. Willkommen im Zeitalter des Cybersex.
Grenzen gibt es hier so gut wie keine - aktiv werden kann jeder. Von der 50-jährigen Hausfrau bis hin zum 20-jährigen Studenten. Auch ohne Video: In Erotik-Chaträumen, interaktiven Rollenspielen, per E-Mail oder Skype. Mit nur wenigen Klicks können Nutzer so gut wie alle erotischen Fantasien ausleben, neue entdecken und Gleichgesinnte finden. Wer früher nicht wusste, wie er seinem neuen Partner seine Neigung zu "Natursekt" erklären sollte, geht heute in ein entsprechendes Forum und findet hier den perfekten Sexualpartner. Schämen muss sich niemand mehr. Denn alles ist anonym und unverbindlich. Räumliche Distanzen spielen keine Rolle. Und ob die Sex-Treffen im Netz einmalig bleiben oder mit dem gleichen Partner regelmäßig wiederholt werden, ist egal.

Übrigens: Nicht nur Männer befassen sich mit Sex im Internet. Laut Internet Filter Review, einer amerikanischen Firma für Websicherheit, war im Jahr 2008 bereits jeder dritte netsex-Nutzer weiblich. Hemmungslosigkeit und Anonymität haben eben auch für viele Frauen ihren Reiz.


Drei Fragen an...

Diplom-Psychologin Dr. Christiane Eichenberg (36) von der Universität Köln über das Phänomen "Cybersex".

stadtsolist: Worin liegt der besondere Reiz am Cybersex?

Dr. Christiane Eichenberg: "Der Reiz am Cybersex liegt im Besonderen in der Anonymität, die das Internet gewährleistet. Die meisten agieren hier unter Nicknamen und können so nicht näher identifiziert werden. Des weiteren ist es im Internet möglich, sexuell aktiv zu sein, ohne Angst vor beispielsweise Krankheiten oder einer Schwangerschaft haben zu müssen."

stadtsolist: Wo liegen die Gefahren beim Cybersex?

Eichenberg: "Bisher gibt es zu diesem Thema noch keine Forschung. Aber: Es besteht im Internet immer die Gefahr, dass Menschen, deren sexuelle Vorlieben nicht gesellschaftsfähig sind (zum Beispiel Pädophile), sich austauschen und in ihren Neigungen gegenseitig bestärken. Ob dies jedoch tatsächlich so ist, ist bisher noch nicht erforscht."

stadtsolist: Kann man von Cybersex süchtig werden?

Eichenberg: "Natürlich gibt es exzessive Nutzungsweisen von Cybersex. Aber ob man in diesen Fällen direkt von Sucht sprechen muss, sei dahingestellt. Denn es ist bisher noch nicht einmal einwandfrei geklärt, ob es überhaupt so etwas wie ein eigenständiges Krankheitsbild "Internet-Sucht" gibt. Wichtig ist nur, dass in einer Partnerschaft geklärt wird, ab wann für den Partner das Fremdgehen anfängt - auch im Internet."




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