HIV-positiv: "Im Netz muss ich mich nicht entschuldigen."

Rot wie die Liebe - und die Gefahr: Die Rote Schleife ist das Symbol der Solidarität mit HIV-Infizierten und Aids-Kranken
Quelle: Melanie Haack
In Jeans und weißem Hemd sitzt Miriam Lofe (35)* an ihrem rosafarbenen Küchentisch. Ungeschminkt. Die dunklen Haare im lockeren Pferdeschwanz. Ein Laptop ist aufgeklappt. Sie ist online. Wie jeden Tag. Bei Flirt-Projekt.com schreibt sie sich regelmäßig mit Männern. Sie sind Single, auf der Suche nach Kontakt - und auch HIV-positiv. Durch Zufall ist sie vor sechs Monaten auf die Partnerbörse ausschließlich für HIV-Positive und an Aids Erkrankte im Internet gestoßen. "Ich hätte nicht gedacht, dass es so etwas gibt", sagt sie, deutet dabei ein Lächeln an. Zwei Verabredungen ergaben sich bereits. Eine in Köln, wo sie lebt. Eine in Hamburg. "Sympathisch" seien die Männer gewesen. Verliebt hat sie sich nicht. Aber an Selbstvertrauen gewonnen. Ängste verloren. Ängste, die sich in den vergangen Jahren durch ihre Krankheit aufgebaut hatten. "Ich habe mich nicht mehr getraut, auf Flirts einzugehen", sagt sie. "Sobald ein gesunder Mann von dem Ding erfährt, ist er weg."
Dann kam der Anruf der Ärztin. "Jetzt stirbst du", schoss es ihr durch den Kopf
Sie war mal anders. In einer Zeit, bevor das "Ding", das Virus, ihr Leben zu diktieren begann. Vor zehn Jahren noch machte sich Miriam Lofe nicht viele Gedanken. Nicht um ihre Zukunft, nicht um ihren Körper. Sie schloss eine Ausbildung zur Versicherungsangestellten ab, wurde aber nicht übernommen. Sie jobbte, hier und da. Oft als Kellnerin in angesagten Clubs. Miriam Lofe ist attraktiv. Schlank, mit feinen Gesichtszügen. Sie lernte Männer kennen. Sie schlief mit dutzenden. Meist ohne Kondom. Sie hatte Spaß. Mehr wollte sie nicht. Bis sie sich ernsthaft verliebte. Ihrem neuen Freund zuliebe machte sie 2004 einen Aidstest. "Was schadet das schon", dachte sie damals. Dann kam der Anruf der Ärztin. "Jetzt stirbst du", schoss es ihr als erstes durch den Kopf. Ihr Freund verließ sie sofort. Das "Ding" wurde zu Miriam Lofes Begleiter.
Es habe sich alles verändert seitdem, sagt sie. Die ersten Monate nach der Diagnose erzählte sie niemandem von der Erkrankung. Ihr Leben kreiste um dieselben Fragen: "Warum?" und "Wer ist schuld?" Eine Antwort darauf hat sie nie gefunden. Letztlich sei es auch egal. "Es ist halt Schicksal." Sie wurde arbeitslos, sie trank zu viel. Sie verließ kaum die Wohnung. Erst ihrer Mutter öffnete sie sich. "Es war wie eine Befreiung. Sie hat mich aufgefangen und mich motiviert, weiter zu machen."
Bei Flirt-Projekt.com muss sie sich nicht erklären
In ihrem Freundeskreis hält sie weiter geheim, dass sie HIV-positiv ist. Bis heute. In Restaurants und Bars geht sie nur selten. "Ich habe das Gefühl, die Leute starren mich an. Als ob auf meiner Stirn HIV tätowiert wäre." Miriam Lofe entflieht dem Alltag ins Internet. Auf Flirt-Projekt.com findet sie Gleichgesinnte. Sie muss sich hier nicht erklären, nicht entschuldigen. Ihre Krankheit ist hier Normalität. Manche sprechen viel und gern darüber. Andere wiederum thematisieren es kaum.
Miriam Lofe sehnt sich nach einem festen Partner, etwas Halt und Schutz. Den Wunsch, Kinder zu bekommen, hat sie seit ihrer Erkrankung längst aufgegeben. Den Traum von einer konstanten Partnerschaft noch nicht. Auch wenn die Online-Flirts bisher wenig verbindlich waren. Zumindest eine Freundin hat sie durch Flirt-Projekt.com gewonnen. Und eine berufliche Perspektive. Seit kurzem arbeitet sie als Verkäuferin in einem kleinen Laden in Köln.
Es gehe ihr soweit gut, sagt sie. Manchmal sei sie sogar glücklich. Nur die Nebenwirkungen der Medikamente setzen ihr teilweise zu. Angst vor dem Tod? "Natürlich habe ich die", sagt Miriam Lofe und nimmt eine Postkarte von einem Zeitungsstapel. "In solchen Momenten lese ich mir immer diesen Spruch durch. Das ist dann mein Überlebensmotto." Es sind zwei Wörter, in schwarzer Schrift gehalten. "Carpe diem." Nutze den Tag.
* Name von der Redaktion geändert

Caroline Rudelt
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